1874 Innerhalb des Bundes der deutschen Baptistengemeinden, der bereits 1849 seine erste Konferenz durchgeführt hat, ergibt sich ein nicht unerheblicher Streitpunkt: Sollen alle Gemeinden eine Zentralleitung haben, also eine mehr oder weniger bischöflich geleitete „Bundesgemeinde" sein, oder soll der Zusammenschluss der Gemeinden zu einem Bund ein kongregational bestimmter „Gemeindebund" sein, also ein Bund, in dem jede einzelne Ortsgemeinde ihre unbedingte Selbständigkeit bewahren muss? Die Konferenz der Mittel- und Süddeutschen Vereinigung, die im Juli 1874 in Hassenhausen bei Marburg tagt (Grundschöttel gehörte zu dieser Vereinigung), entscheidet sich zugunsten der zentralgeleiteten „Bundesgemeinde" (Konzept Johann Gerhard Onckens) und ruft die zur Vereinigung gehörenden Gemeinden auf, sich zu diesem Beschluss zu stellen. Doch die Gemeinde Grundschöttel versucht, sich aus diesem Streit herauszuhalten. Die im Raum Bochum wohnenden Gemeindeglieder, beeinflusst durch den mit dem Konzept Onckens sympathisierenden Prediger Gülzau, bitten die Gemeinde Grundschöttel um eine klare Stellungnahme und schicken bereits - zwei Wochen nach diesem Bittgesuch - an die Gemeinde Grundschöttel folgenden Brief:

Bochum, den 20. October 1874

An die lieben Geschwister in Grundschöttel.

Infolge Eures Beschlusses vom 16. August cr. sowie des nachträglichen Verhaltens unserem Ältesten, dem Br. Gülzau gegenüber (Prediger und Gemeindeältester der Gemeinde Grundschöttel), wie daß Ihr auch nicht für nötig befunden habt, den von Br. Meyer im Namen der Geschwister aus Bochum, Dortmund, Witten, Eppendorf, Neuling, Wattenscheid an Euch gerichteten Brief vom 5. October cr., durch welchen Ihr von dem Beschluß der Gemeindestunde in Eppendorf in Kenntnis gesetzt wurde, und der die Bitte enthielt, Euren Beschluß abzuändern, einer Berücksichtigung und Antwort zu würdigen, sehen wir uns, die Geschwister obengenannter Stationen, veranlaßt, eine Gemeinde zu gründen, was wir nicht anstehen, durch Gegenwärtiges Euch mitzuteilen.
Wir bedauern, daß wir durch Euch in diese unangenehme Notwendigkeit versetzt sind, aber wir können vor Gott und unserem Gewissen nicht anders, als an Euch diese offene Erklärung gelangen zulassen.
Nehmt unseren herzlichen, brüderlichen Dank für alle genossene Liebe und Gastfreundlichkeit.
Möge der Herr unser Heiland uns allen viel Gnade verleihen und uns dermaleinst seligmachen!

Im Namen der Geschwister: (gez.): W. Nickstädt, C. Meyer, C. Birke[, Conr. Strieder, L. Kespelher.

Aus dem Protokoll der Grundschötteler Gemeindeversammlung vom 8.11. 1874 unter Vorsitz von Prediger Gülzau:

„Dann las der Vorsitzende einen Brief von Bochum vor, worin erklärt wurde, daß die Geschwister in Bochum, Eppendorf, Neuling, Witten und Dortmund eine eigene Gemeinde bilden würden. Grund hierzu war außer einigen Vorwürfen, die der Gemeinde gemacht wurden, hauptsächlich, daß die Gemeinde die Beschlüsse der letzten Konferenz bis dato nicht angenommen hatte. - Es wurde dann ein Brief von den ordnenden Brüdern der Süddeutschen Vereinigung vorgelesen, worin dieselben erklären, daß sie die hiesige Gemeinde mit Ausschluß der Station Bochum, Dortmund usw. als getrennt betrachten, sowie auch, die Konferenz im nächsten Jahr hier abzuhalten, dankend ablehnen."
Somit kommt es zur Verselbständigung der genannten Grundschötteler Gemeindestationen zur Gemeinde Bochum-Dortmund mit zusammen etwa 50 Gemeindegliedern. Sie wird offiziell am 8. November 1874 im Haus Thielker, Herner Str. 74, vollzogen. Das Gemeindeblatt „Der Pilger" berichtet: „Im Bethei der Kinder Gottes hier im Hause der lieben Geschw. Thielker fanden wir uns am 8. November 1874 ein. Nach der bewegten Gebetsstunde am Vormittag teilte Br. Gülzau das Brot des Lebens aus nach Joh. 3, 16. Am Nachmittag predigte Br. Gülzau vor einer gut besuchten Versammlung über 1. Kor. 3, 9, und darauf folte mit Einstimmigkeit die Konstituierung der Gemeinde. Zum Ältesten wurde Br. Nickstädt und zum Prediger Br. C. Meyer ernannt. Zu Diakonen wurden die Brüder Carl Thielker, Conrad Strieder, Kespelher und Lingener ernannt."

Aus den verfügbaren Unterlagen ist ersichtlich, dass die Gemeinde Bochum-Dortmund für unsere heutigen Begriffe wegen ihrer großen Zerstreuung und ihrer kleinen Zahl nur als bedingt lebensfähig hätte angesehen werden können, zumal ein Teil der in ihrem Bereich wohnenden Geschwister weiterhin zur Muttergemeinde Grundschöttel gehörte. Die folgende Gemeindegeschichte lehrt es anders.

Korporationsrechte1875 Die sonntäglichen Versammlungen der neugegründeten Gemeinde werden nun in Bochum gehalten. Die erste Jahresstatistik zeigt: 4 Gläubiggewordene kommen durch die Taufe zur Gemeinde; 884,58 Mark werden eingenommen und 544,63 Mark ausgegeben. Bald nach der Gemeindegründung entsteht der „Jünglingsverein", der für die weitere Geschichte des Gemeindeaufbaus eine wesentliche Rolle spielt.

Carl Meyer1876 Prediger Carl Meyer verlässt die Gemeinde Bochum, und der Gemeindeälteste W. Nickstädt übernimmt den Verkündigungsdienst. Für den Bau eines eigenen Gemeindehauses wird ein Fonds eingerichtet und eine erste Einzahlung von 120 Mark gebucht.

1877 Wilhelm Lingener, ein missionarisch begabter Mann, wohnhaft in Linden (Ostholz), wird von der Gemeinde als Bibelkolporteur eingesetzt. Die junge Gemeinde ist in diesem Jahr die Gastgeberin für die Konferenz der Süd- und Mitteldeutschen Vereinigung, zu der sie gehörte (8.-10.07.1877, insgesamt 30 Abgeordnete und Gäste!).

Julius Lüdeke1878 Bruder Julius Lüdeke aus Hammerstein wird zum Gemeindeprediger berufen. In diesem Jahr werden 7 Gläubiggewordene aufgenommen, im folgenden Jahr 17.

1881 Als Bruder Thielker im Jahr 1881 stirbt und der gemietete Versammlungsraum gekündigt wird, gerät die Gemeinde in erhebliche Sorge. Doch bald wird ein anderer Saal gefunden, und zwar an der Ecke Wittener/Ferdinandstraße.
Durch den Weggang des Predigers Lüdeke sieht sich die Gemeinde genötigt, wiederum die Dienste der Gemeinde Grundschöttel in Anspruch zu nehmen. Prediger Harnisch mit den Brüdern Völker und Bäcker helfen tatkräftig und sorgen für die Bereinigung der noch vorliegenden Meinungsverschiedenheiten und auch für eine geo-graphisch sinnvolle Neuorientierung. Die Gemeindeglieder in Witten, Rahmede, Lüdenscheid und Altena werden wieder Grundschöttel zugewiesen, während die aus der Gegend um Dortmund und Bochum der Gemeinde Bochum einverleibt werden, soweit das noch nicht geschehen ist.

1883 Auch finanzielle Hilfe kommt von Grundschöttel, so dass die junge Gemeinde Mitte des Jahres Bruder Robert Röth aus Wermelskirchen zum Prediger und Ältesten berufen kann. Um diese Zeit bahnt sich die Eingliederung der Gemeinde in die Rheinische Vereinigung an. Bruder Lingener erwirbt das Hausgrundstück an der Wittener Str. 44 (Wirtshaus mit Tanzsaal) und lässt es für Versammlungszwecke der Gemeinde umbauen. Dieses an die Gemeinde dann vermietete Versammlungshaus bleibt bis zur Errichtung der ersten Immanuelskirche an der Hermannshöhe (1894) verfügbar.

Robert Röth1884 Der Gemischte Chor, der während der weiteren Gemeindegeschichte am Gemeindebau einen wesentlichen Anteil hat, wird gegründet.

Gustav Andresen1889 Als Prediger Röth zur Gemeinde Danzig geht, wird Prediger Gustav Andresen aus Elmshorn sein Nachfolger. Nach schwerer Krankheit wird er allerdings bereits 1891 als 56-jähriger in die Ewigkeit gerufen.

1892 Sein Nachfolger, Prediger Kickstat aus Ottensen, setzt sich mit der Gemeinde für das Kapellenbauvorhaben und auch für die Erteilung der Korporationsrechte ein.

1893 Am 29.11.1893 wird durch das preußische „Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten" unserer Gemeinde das Korporationsrecht erteilt.

Gustav Kickstat1894 Die schon seit 1893 selbständig gewordene Gemeindestation Dortmund wird am 4. Februar als selbständige Gemeinde entlassen. In Eickel und Herne entstehen aussichtsreiche Stationsarbeiten. Das gesamte Gemeindewerk, zwar weit verzweigt, wächst zusehends.
ImmanuelskircheIn großer Festfreude wird das neue Versammlungshaus der Gemeinde an der Hermannshöhe, die Immanuelskirche, mit etwa 600 Sitzplätzen in den Dienst genommen. In der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen ist zu lesen:
Nach den Plänen des Regierungsbaumeisters Schönfelder und des Bauunternehmers Fischer wurde die Arbeit in Angriff genommen. Der ganze Bau, ohne innere Einrichtung, war auf 40 000 Mark veranschlagt. Herr Fischer ließ es an Entgegenkommen auch nicht fehlen. Er verlangte bei Fertigstellung des ersten Stockwerkes 5000 Mark, eine weitere und letzte Rate bei Auszahlung der ersten Hypothek. Alles in allem konnte unsere Gemeinde die Hilfe des Herrn so recht erfahren. Während des Baues war kein Unfall zu beklagen; auch die städtischen Behörden zeigten vielerlei Entgegenkommen, sei es, daß das Bauamt. keine Schwierigkeiten machte, oder sei es, daß die Sparkasse uns bereitwilligst eine Hypothek gab. Als dann das zwanzigjährige Stiftungsfest Immanuelskircheheranrückte, konnte die dankerfüllte Gemeinde die Kapelle ihrer Bestimmung übergeben. Jener Gesang, der zu allen Zeiten das rechte Danklied gewesen ist, erwachte da neu in den Herzen der Gotteskinder, als sie die Schwelle ihres neuen Heims überschritten: „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen!" Br. Grage, Köln, sprach das Eingangsgebet, daran schloß sich Br. Fetzer, Lehrer am Predigerseminar in Hamburg, mit der Festpredigt an. Nachdem der Leiter unserer Gemeinde, Br. Kickstat, bekanntgegeben hatte, daß die Gemeinde beschlossen habe, ihr neues Heim Immanuelskirche' zu nennen, sprach Br. Scheve, Berlin, das Weihegebet. Der Nachmittag versammelte unsere Geschwister und die vielen Gäste zum Liebesmahl. Der Chor der Gemeinde Derschlag war in voller Zahl erschienen und verschönte in Gemeinschaft mit unserem Chor das Fest mit seinen Gesängen aufs beste. Auch der Erbauer der Kirche ließ es sich nicht nehmen, an der erhebenden Feier teilzunehmen. Die Kosten des Gotteshauses be-trugen insgesamt Mk. 47.930,53. Eingegangen waren insgesamt Mk. 50.930,55 einschließlich der Hypothek von Mk. 30.000,-, so daß ein reiner Überschuß von Mk. 3.000,- verblieb, der dann seine Verwendung in verschiedenen kleinen Anschaffungen fand."

H. W. Grage1897 Nach dem Weggang von Prediger Kickstat (nach Hamburg-Altona) wird Bruder W. Grage (von Bülach/Schweiz) der neue Gemeindeprediger.

1899 Die Gemeinde feiert ihr 25-jähriges Bestehen. Inzwischen sind auch in Linden-Baak und in Wattenscheid regelmäßige Versammlungen eingerichtet.

1901 Als Prediger Grage den Ruf der Gemeinde Zürich annimmt, wird Prediger Bernhard Weerts von Frankfurt/Main berufen.

1902 In Eickel und Herne setzt sich die gute Entwicklung der Gemeindestationen fort, und in Bärendorf wird in einem Neubau der Geschw. Häsing ein Versammlungsraum eingerichtet.

1905 Auf dem Gesamtgemeindefeld werden in diesem Jahr durch die Taufe 86 Gläubiggewordene der Gemeinde hinzugetan. Die Zeit der Verselbständigungen setzt ein: Eickel mit 73 Gliedern am 2.2.1905, Herne mit 100 Gliedern am 1.11.1905. In Weitmar wird ein etwa 200 Personen fassender Versammlungsraum in Gebrauch genommen, ein anderer in Linden.

1906 Bemerkenswert ist ein Prozess, den die Gemeinde wegen Behinderung bei der Ausübung einer Beerdigung bis hin zur höchsten preußischen Gerichtsinstanz, dem Reichsgericht, geführt und dann auch gewonnen hat. Die durch die Evangelische Kirchengemeinde Langendreer angeklagte Baptistengemeinde Bochum und der angeklagte Prediger Weerts werden vorerst verurteilt: die Baptistengemeinde darf auf dem evangelischen Friedhof keine Beerdigung und der Prediger Weerts keine Grabrede halten (Urteil des königlichen Landgerichts).
Als von seiten der Gemeinde gegen diese Urteile beim königlich-preußischen Oberlandesgericht in Hamm Revision angestrengt wird, spricht das Gericht den Prediger Weerts von der verhängten Geldstrafe frei, doch bleibt der Gemeinde untersagt, auf dem kirchlichen Friedhof zu beerdigen. Dagegen erheben dann der Prediger und der Gemeindevorstand vor dem Reichsgericht in Leipzig Klage. Das Ergebnis der Verhandlung am 1.2.1906: Die Urteile der Vorinstanzen werden aufgehoben; die Gemeinde erhält das Recht, auf konfessionellen Friedhöfen ihre Verstorbenen bestatten und Grabreden halten zu dürfen.

1907 Die Gemeindestation Weitmar wird eine selbständige Gemeinde, der sich die Station Linden anschließt mit insgesamt 98 Gliedern (9.5.1907). In diesem Jahr entsteht eine Stationsarbeit in Gladbeck.

1908 Eine schon um 1900 entstandene Missionsarbeit in Langendreer wird zu einer Stationsarbeit der Gemeinde Bochum.

Pastor Weerts1910 Prediger Weerts verlässt Bochum und folgt dem Ruf der Gemeinde Berlin, Gubener Straße. Sein Nachfolger wird Bruder Emil Wedewardt aus Emden.

1913 Einweihung der Orgel, deren Anschaffung mit großer Begeisterung und erfreulicher Opferbereitschaft beschlossen worden ist. Die Gesamtkosten betragen rund 5.700,- Mark, für diesen Zweck geopfert sind rund 6.500 Mark.

1914 Die vielfältigen Auswirkungen des 1. Weltkriegs treffen auch die Gemeinde Bochum und veranlassen besondere missionarisch-diakonische Dienste, u. a. die „Soldatenmission". Während des Weltkrieges schließen sich der „Jünglingsverein" und der „Jungfrauenverein" zum „Jugendverein" zusammen.

Pastor Wedewardt1919 Prediger Wedewardt verlässt die Gemeinde, um in Köln-Mühlheim den Gemeindedienst aufzunehmen; an seine Stelle tritt Prediger Johannes Fleischer, der aus rumänischer Internierung nach Deutschland zurückgekehrt ist.

Emma Marx1920 Für die Gemeindestation Gladbeck wird Prediger Otto Menge berufen, der seinen Dienst nebenberuflich tut. Die Jugendbundeskonferenz wird in diesem Jahr in der Immanuelskirche durchgeführt. 1921 Die erste Gemeindeschwester, vom Diakonissenmutterhaus Bethel, Berlin, Schwester Emma Marx, beginnt ihren Dienst, der sich besonders auf die Kranken und Alten konzentriert.

1922 Eine Sterbekasse der Gemeinde, durch ein Umlageverfahren ermöglicht, bietet in der Zeit der enormen Geldentwertung und sozialen Verunsicherung bei Beerdigungskosten eine willkommene Hilfe.

1923 Nach vorhergehenden Hausversammlungen in Hamme wird im Saal des „Ostpreußischen Gebetsvereins", Robertstraße, eine Wochenversammlung und Sonntagsschule begonnen; auch bildet sich ein gemischter Chor.

1924 Das 50. Gemeindejahr wird von Gott reich gesegnet. Die vielfältige missionarische Verkündigung auf dem weiten Gemeindefeld wirkt reiche Frucht: Bis zum 6. Juli sind bereits 88 Gläubiggewordene durch die Taufe in die Gemeinde aufgenommen. Bei aller Freude über diese Taufzahl bemerkt die Jubiläumsschrift von 1924: „Gott gebe Gnade, daß es keine tauben Ähren sind!" Die Festpredigt bei der 50-Jahr-Feier am 9. November hält Prediger Kickstat über das Wort: „Es ist der Herr!" (Johannes 21, 7). Die Prediger Grage und Weerts tragen zur Festgestaltung bei. Der Gemischte Chor, straff und zielstrebig von Georg Liebig geleitet, erarbeitet für das Fest ein musikalisch anspruchsvolles Programm. Bruder Liebig versteht es, dem großen Chor auch entsprechend größere Chorwerke zum Segen für die Gemeinde zuzumuten.